🌱 Die Gähnende Narbe

🌱 Die Gähnende Narbe

Manche Landschaften wachsen. Manche vergehen. Diese… wartet.


Der erste Schritt in die Narbe ist kein Schritt ins Land –
sondern ins Gewicht.

Nicht das Gewicht des Körpers.
Sondern das Gewicht der Luft,
die hier nicht strömt, sondern liegt.
Feucht, warm, dick wie ein Atem, der nicht aus der eigenen Brust stammt.


Der Boden ist weich.
Nicht nachgiebig wie Moos –
sondern trĂĽgerisch wie Haut ĂĽber Wasser.
Er hält.
Bis er es nicht mehr tut.

Manche Stellen tragen den Wanderer,
andere verschlucken ihn bis zum Knie.
Es ist kein Zufall, welche es sind.
Aber es fĂĽhlt sich an wie einer.


Die Narbe ist alt.
Älter als die Bäume, die hier wurzeln –
und diese Wurzeln wachsen tief.
Manche kriechen ĂĽber den Boden wie Schlangen,
andere verschwinden senkrecht im Morast,
als suchten sie etwas, das dort unten ruht.

Zwischen ihnen stehen Steine.
Zu groß, um zufällig hierher getragen worden zu sein.
Bedeckt von Moos,
doch unter dem GrĂĽn:
Zeichen.
Kreise.
Rillen, die zu Mustern werden, wenn das Licht sie richtig trifft.


Licht ist hier selten.
Es dringt in schmalen Streifen durch das dichte Dach aus Zweigen und Nebel.
Manchmal bricht es sich auf der Wasserhaut in der Tiefe –
und malt Linien auf Gesichter,
die nichts zu suchen haben.

Das Wasser selbst bewegt sich kaum.
Und wenn, dann…
nicht durch den Wind.
Es kräuselt sich,
als wĂĽrde darunter etwas vorbeiziehen.
Langsam.
Bedächtig.
Zu groĂź, um klein zu sein.
Zu leise, um Zufall zu sein.


Es gibt Geräusche hier –
aber sie gehören nicht dir.

Ein Tropfen,
der von nirgendwo fällt.
Ein Knacken,
ohne dass sich etwas bewegt.
Ein Summen,
das verschwindet,
sobald man den Kopf hebt.


Die Alten nennen diesen Ort „die Wunde, die nicht heilt“.
Sie sagen,
die Erde habe hier etwas verloren –
und nie zurĂĽckbekommen.

Manchmal tauchen am Rand der Narbe Strukturen auf:
Holzpfosten, längst verrottet.
Halb versunkene Mauern aus schwarzem Stein.
BrĂĽcken,
die nur noch zur Hälfte existieren
und mitten im Nebel enden.

Es sind keine Ruinen im klassischen Sinn –
denn sie sind nicht zusammengebrochen.
Sie sind einfach… versunken.


Wer sich tiefer hineinwagt,
merkt, dass Wege hier nicht führen –
sondern fĂĽhren lassen.
Man biegt nicht ab.
Man wird abgebogen.

Pfade enden nicht –
sie beginnen woanders neu.
Ohne dass man je dazwischen gegangen wäre.


Manchmal,
wenn der Nebel besonders dicht ist,
öffnet sich die Narbe.

Nicht sichtbar.
SpĂĽrbar.

Der Boden senkt sich unter den FĂĽĂźen,
ohne dass man fällt.
Die Luft wird schwerer,
ohne dass man atmet.

Und aus dieser Tiefe –
nicht des Bodens,
sondern der Zeit –
kommt ein Laut.

Leise.
Langsam.
Wie ein Gähnen.

Doch nicht mĂĽde.
Sondern… wach werdend.


Dann schlieĂźt sich die Narbe wieder.
Langsam.
Bedächtig.
Und nichts bleibt –
auĂźer einer Spur im Schlamm,
die es vorher nicht gab.
Und die beim nächsten Blick…
schon nicht mehr da ist.


Es heiĂźt,
wer hier zu lange bleibt,
nimmt etwas mit.
Nicht im Beutel, nicht in der Hand –
sondern im Herzschlag.

Etwas,
das im Gleichklang mit dem Ort schlägt.
Und nie wieder ganz still wird.